Dramatischer Sonnenuntergang über der Wismarbucht in der Ostsee

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Was Meer, See und Fluss mit uns machen

Die Anziehungskraft von Wasser, was sie in Kopf, Körper und Psyche auslöst und warum wir auf Reisen so oft danach suchen.

Wasser zieht uns an, und die Forschung hat dafür inzwischen mehr Erklärungen als vermutet. In diesem Artikel geht es darum, was Meer, See und Fluss mit unserem Wohlbefinden und unserer Wahrnehmung anstellen, was in Kopf und Körper passiert, wenn wir am oder im Wasser sind, und wie sich diese Wirkung nutzen lässt, wenn uns gerade eine größere Frage begleitet.

Du kommst ans Meer und schaust auf den Horizont. Du sitzt an einem See und beobachtest, wie sich die Oberfläche bewegt. Du läufst an einem Fluss entlang, und irgendwann bemerkst du, dass sich in deinem Kopf etwas verschoben hat. Wir zahlen bereitwillig mehr für ein Zimmer mit Seeblick, wir verbringen unseren Urlaub am Meer, wir fahren am Wochenende an den nächsten See vor der Stadt, wenn wir raus wollen. Und wenn wir hinterher davon erzählen, klingt es oft ähnlich: mehr Platz im Kopf, mehr Weite im Blick, ein Gefühl, näher an uns selbst zu sein.

Spieglung in einem See, der völlig ruhig ist
Wenn Wasser zum Spiegel und zur Projektionsfläche wird.

Was am Wasser messbar passiert

Dass Natur unserem Wohlbefinden gut tut, ist inzwischen gut untersucht. Auffällig ist, dass Wasser innerhalb dieser Naturerfahrung eine eigene Rolle spielt. In einer britischen Untersuchung wurden mehr als 22.000 Menschen über eine Smartphone-App wiederholt gefragt, wie sie sich in dem Moment fühlten, während gleichzeitig ihr Aufenthaltsort erfasst wurde. Aufenthalte in Küstenregionen waren dabei mit einem besonders hohen momentanen Wohlbefinden verbunden, deutlicher als in Bergen, Wäldern oder Wiesen. Eine irische Studie zeigt einen ähnlichen Zusammenhang: Menschen, die weniger als fünf Kilometer von der Küste entfernt wohnen, berichten von einem höheren Wohlbefinden als Menschen im Binnenland. Wer maximal zwei Kilometer vom Meer entfernt lebt, liegt in dieser Kurve noch einmal höher.

Spieglung in einem See, der völlig ruhig ist
Wenn Wasser zum Spiegel und zur Projektionsfläche wird.
Meeresküste in Südafrika
Ob kraftvoll oder ganz ruhig - Wasser zieht uns in seinen Bann.

Selbst städtische Flussufer wirken. In einer Fallstudie des Bonner Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit beschrieben Spaziergänger am Rhein in Köln und Düsseldorf ihre Bindung an den Strom in erstaunlich emotionalen Worten. Es ging um Wohlbefinden, um Weite, um Freiheit, gelegentlich auch um Fragen nach Sinn und Spiritualität. Am Wasser verschiebt sich offenbar noch etwas anderes: die Art, wie wir wahrnehmen und wie wir denken.

Am Wasser bekommt der Kopf etwas anderes zu tun

Der Alltag ist voll von Reizen, die etwas von uns wollen. Nachrichten werden beantwortet, Entscheidungen wollen getroffen werden, Informationen strömen von morgens bis abends auf uns ein. Selbst wenn wir Pause haben, schauen wir aufs Handy, lesen etwas, hören einen Podcast oder überlegen im Hintergrund schon, was danach ansteht.

Wasser löst so viele Empfindungen in uns aus wie kaum ein anderes Element.
Es muss nicht immer Meer sein - Wasser in seinen unterschiedlichen Formen hat dennoch ähnliche Wirkung.

Am Wasser ändert sich diese Grundsituation. Vor deinen Augen passiert ununterbrochen etwas, und nichts davon verlangt eine Reaktion. Das gilt für den Blick auf den Atlantik genauso wie für einen breiten Fluss, für einen Bach am Wegesrand, eine Feuchtwiese nach dem Regen, in der sich der Himmel spiegelt, eine Pfütze, in der ein Baum kopfüber steht, einen Tümpel, auf dem der Wind Muster zeichnet. Wasser gibt es in vielen Formen, und alle haben denselben Effekt: Deine Sinne bekommen viel Material und trotzdem keine Aufgabe. In dieser Kombination scheint einiges an Entlastung zu liegen.

 

Dazu kommen die Reize selbst. Die Farbe Blau und das gleichmäßige Rauschen von Wasser wirken auf den Körper messbar entspannend. In japanischen Untersuchungen etwa reagierten Menschen deutlich gelassener auf eine anstrengende Aufgabe, wenn ihr Blick auf eine blaue Fläche fiel, mit einem regelmäßigeren Herzschlag als Nebeneffekt. Und das Rauschen eines Baches oder einer Welle verändert die Aktivität im präfrontalen Kortex ähnlich wie eine Meditation. Beides zusammen erklärt, warum sich der Kopf am Wasser oft nach zehn Minuten schon anders anfühlt als am Schreibtisch.

 

Wasser löst so viele Empfindungen in uns aus wie kaum ein anderes Element.
Es muss nicht imm Meer sein - Wasser in seinen unterschiedlichen Formen hat dennoch ähnliche Wirkung.

Wenn es im Kopf eng wird, hilft Weite

Gerade wenn wir vor einer Entscheidung stehen, uns beruflich oder privat neu orientieren oder schon länger dieselbe Frage mit uns herumtragen, versuchen wir häufig, noch intensiver darüber nachzudenken. Wir sitzen am selben Schreibtisch, bewegen uns durch dieselben Räume, sehen auf dieselben vier Wände und hoffen, dass beim nächsten Durchgang durch dieselben Gedanken plötzlich eine Antwort auftaucht. Manchmal passiert das. Viel häufiger aber drehen wir einfach die nächste Runde im Grübelkarussell.

Lagune im Abendlicht in Südafrika
Der sensorische Reichtum in der Natur tut unserem Nervensystem gut

Dann kann es interessant sein, die Frage aus ihrem gewohnten Umfeld herauszunehmen. Ein Horizont trifft keine Entscheidung für dich. Ein See sagt dir nicht, ob du kündigst. Ein Nachmittag am Meer liefert keine Gebrauchsanweisung für den nächsten Lebensabschnitt. Was sich verändert, ist die Umgebung um die Frage herum. Der Blick bekommt mehr Raum, andere Sinne kommen hinzu, die Routinen, die sonst um uns herumliegen, fallen kurz weg. Und plötzlich fühlt sich dieselbe Frage anders an, als sie der Verstand wahrgenommen hat.

Du musst dafür nicht zehn Kilometer laufen

Natur wird häufig sofort mit Bewegung verbunden. Wandern, spazieren gehen, walken, dazwischen ein wenig Sport. Dabei liegt ein Teil der Wirkung dieser Orte darin, einfach dort zu sein. Du kannst am Strand entlanglaufen. Du kannst dich genauso gut irgendwo hinsetzen und eine Stunde aufs Wasser sehen.

 

Wer ins Wasser geht, erlebt noch einmal etwas anderes. Auftrieb, Temperatur, Widerstand und Druck verändern die Körperwahrnehmung. Der Wasserdruck bewegt Blut in Richtung Herz und Lunge, mehr Volumen wird durch den Körper gepumpt, Hormone werden freigesetzt, die die Blutgefäße entspannen und die Stressregulation beeinflussen. Anstrengendere Schwimmzüge können darüber hinaus körpereigene Opioidpeptide freisetzen, verbunden mit einem leichten Euphoriegefühl. Es lohnt sich, das zu wissen, und es lohnt sich, kein Programm daraus zu machen. Kein Aufenthalt am Meer braucht eine Morgenroutine, kein See eine Atemübung, kein Fluss eine Liste mit tiefgründigen Fragen. Manchmal reicht es, einfach nur dort zu sein.

Meeresküste in Südafrika
Du kannst am Strand entlanglaufen. Du kannst dich genauso gut irgendwo hinsetzen.

Interessant ist auch, dass Wasser gar nicht physisch anwesend sein muss, um zu wirken. In einer kalifornischen Studie sank bei Krebspatienten mit chronischen Schmerzen der Pegel von Stresshormonen wie Kortisol und Adrenalin um zwanzig bis dreißig Prozent, nachdem sie ein Video mit Ozeanen, Wasserfällen und Bächen gesehen hatten. Ein Zimmerbrunnen im Wohnraum, ein Naturfilm am Abend, gute Kopfhörer mit Wellenrauschen: Auch das ist eine Übersetzung dieser Wirkung in den Alltag.

Meeresküste in Südafrika
Du kannst am Strand entlanglaufen. Du kannst dich genauso gut irgendwo hinsetzen.

Auf Reisen zieht es uns ans Wasser

Dass Wasser für viele Menschen eng mit Reisen verbunden ist, dürfte kein Zufall sein. „Meerblick” steht in Hotelbeschreibungen so prominent, weil wir diesen Blick wollen. Wir sitzen in Häfen, laufen über Promenaden, fahren an Seen, suchen Wasserfälle und bleiben am Strand sitzen, obwohl wir das Meer gestern schon gesehen haben.

 

Auf Reisen kommt etwas hinzu. Wir verlassen unseren gewohnten Kontext. Das ist einer der Gründe, warum mich Reisen und Auszeiten schon lange über den Urlaubsbegriff hinaus interessieren. Wenn ein großer Teil dessen wegfällt, was unseren Alltag strukturiert, entsteht Raum für eine andere Wahrnehmung des eigenen Lebens. Am Wasser wird dieser Abstand oft besonders spürbar. Vielleicht, weil der Blick weiter reicht. Vielleicht, weil Wasser dauerhaft in Bewegung ist und wir daneben ruhig werden dürfen. Vielleicht, weil wir dort weniger tun müssen als sonst. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus all dem. Wir fahren ans Meer, weil wir Urlaub wollen. Und finden dort manchmal eine Frage, die uns zuhause nie ganz erreicht hat.

Dramatischer Sonnenuntergang an der Ostsee
Am Meer schrumpfen unsere Fragen oftmals auf ihre eigentliche Größe zusammen.

„Ich habe in meiner Coaching-Praxis kein Werkzeug, das so verlässlich wirkt wie ein Nachmittag in der Natur.” — Ulrike Nehls

Nimm eine Frage mit ans Wasser

Wenn dich also gerade eine Frage beschäftigt, musst du sie nicht zwangsläufig noch länger am Schreibtisch bearbeiten. Nimm sie einmal mit nach draußen. Ans Meer, wenn eines in deiner Nähe ist, an einen See, einen Fluss oder einen Bach. Such dir einen Platz, an dem du eine Weile bleiben möchtest. Du musst die Frage nicht die ganze Zeit durchdenken. Du musst am Ende keine Entscheidung getroffen haben. Und du musst aus diesem Ausflug auch kein Selbstcoaching machen.

 

Sieh aufs Wasser. Lass deinen Gedanken einen Moment lang mehr Raum, als du ihnen sonst gibst und beobachte, was passiert. Mehr braucht es oft nicht.

Fazit: Deine Fragen brauchen manchmal einen Ortswechsel

Wasser ist einer der einfachsten Zugänge dazu, auch ohne Coaching. Ein Wochenende an der Ostsee, ein Nachmittag am Fluss, eine Reise, die dich weit genug wegbringt von deinem Schreibtisch, damit sich deine Frage anders anfühlt.

Wenn du an dem Punkt bist, an dem eine Frage länger als nötig mit dir mitläuft, ist ein bewusst gewählter Raum oft der entscheidende Unterschied. Genau das ist der Kern meiner Coaching-Arbeit: Fragen aus der Umgebung nehmen, in der sie groß geworden sind.


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